Home
Scholarly Works
Der Spieler als paradigmatische Figur der Moderne
Chapter

Der Spieler als paradigmatische Figur der Moderne

Abstract

Bevor man sich dem Spieler als einer paradigmatischen Figur der Moderne zuwendet, verlohnt es vielleicht, einen Blick auf die Stadt zu werfen, die gegenwärtig seiner Leidenschaft ein Refugium und ein Paradies bietet. Denn von der Aussichtsplattform des Stratosphere Tower aus breitet sich vor den Augen des Betrachters ein beeindruckendes Panorama aus. Der Strip von Las Vegas versammelt zahlreiche Wahrzeichen der Menschheitsgeschichte. Hinter der Marmorfassade eines römischen Palastes ragt die Skyline New Yorks hervor. Die schwarze Glaspyramide des Hotels Luxor wird von einer maßstabgetreuen Nachbildung der Großen Sphinx von Gizeh in ihrem unbeschädigten Zustand bewacht. Nach einer Besichtigung des Grabes von Tutenchamun kann man sich unter dem Blau eines künstlichen Himmels von einem singenden Gondoliere durch die Kanäle Venedigs rudern lassen. „The Entertainment Capital of the World“, wie Las Vegas genannt wird, verführt durch die Obszönität ihres geborgten Prunkes. Willkürlich zusammengewürfelt kehren die kulturellen Denkmäler außerhalb ihres zeitlichen und räumlichen Kontextes wieder. Nirgendwo ist man der perversen Faszination des Kapitals näher, dessen symbolische Gewalt in der synchronen Präsenz weltgeschichtlicher Ereignisse einen optischen Ausdruck gewinnt. Roger Caillois’ naive Annahme, dass „der Stil der Zivilisation davon nicht sichtlich berührt [wird]“,1 ist unhaltbar geworden. Das aleatorische Funktionsprinzip der historischen „Readymades“ findet sich an den Schlüsselstellen des postmodernen Denkens wieder. Der ästhetische Effekt in der Beschwörung der Geister der Vergangenheit beruht auf einer Bewegung, die „alle Wiederholungen in einem Raum koexistieren [lässt], in dem sich die Differenz verteilt“2. Der Rekurs auf Gilles Deleuzes Darstellung des Scheiterns des metaphysischen Theaters der Repräsentation ist kein Zufall: Auf keinen Ort trifft sein lakonisches Urteil, dass „die moderne Welt […] die der Trugbilder [ist]“3, pointierter zu.

Authors

Steizinger J

Book title

Das Spiel und seine Grenzen Passagen des Spiels II

Pagination

pp. 31-46

Publisher

Springer Nature

Publication Date

January 1, 2010

DOI

10.1007/978-3-7091-0085-1_2
View published work (Non-McMaster Users)

Contact the Experts team